Amt Brieskow-Finkenheerd
 
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Stolpersteinverlegung in Wiesenau

Amt Brieskow-Finkenheerd, den 05.09.2018

Zum Gedenken an die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945 wurden am 31.08.2018 öffentlichkeitswirksam 2 Gedenksteine („Stolpersteine“) verlegt.

Diese Verlegung fand am ehemaligen Wohnort der Opfer in der Hauptstraße 88 in 15295 Wiesenau statt.

 

Die Recherche dazu:

Schon Anfang 2000 entwickelte die Gemeindevertretung Wiesenau unter dem damaligen Bürgermeister Rainer Bublak den Gedanken, ehemaliger Bürger der Gemeinde mit jüdischem Glauben, die die Nazizeit nicht überlebt hatten, in einer würdigen Form zu gedenken. Das führte zu der Idee, sich an der international bekannten Aktion zu beteiligen, in ansprechender, künstlerischer Form so genannte „Stolpersteine“ dort zu verlegen, wo diese Bürgerinnen und Bürger gearbeitet und gelebt hatten. Erstmals wurde dazu von den Jugendlichen des Wiesenauer Jugendclubs recherchiert.

2017 dann - aus Anlass der bevorstehenden 650-Jahr-Feier zur urkundlichen Ersterwähnung - hatten einige Wiesenauer den Vorschlag unterbreitet, sich etwas genauer mit dem Leben und Wirken ihrer Mitbürger jüdischen Glaubens in der NS-Zeit und davor zu beschäftigen. Den 80. Jahrestag der Reichskristallnacht am 09. November 1938 vor Augen, in welcher diesen Menschen von den entarteten SA-Horden unermessliches Leid zugefügt wurde und die von der deutschen Führung der damaligen Zeit als Beginn der so genannten „Endlösung der Judenfrage“ betrachtet wurde, begannen sie zu recherchieren und kamen zu dem Ergebnis, dass es unserer Gemeinde sehr zur Ehre gereichen würde, den zwei in der Nazizeit hier ansässigen jüdischen Menschen und ihrer Ermordung in Auschwitz in besonderer Art zu gedenken: Zwei Stolpersteine sollen gesetzt werden - dort, wo diese gelebt und für ihre deutsche Heimat gearbeitet haben. Damit reiht sich das Dorf in die mehr als 1100 Orte in Europa ein, die den Opfern des Holocausts mit bisher etwa 61.000 gesetzten Steinen ihre tiefe Anteilnahme bekunden. Und zugleich stellen sich diese Wiesenauer an die Seite derer, die dem wieder erweckten Antisemitismus auf deutschem Boden eine Abfuhr erteilen. -

Wie kam es eigentlich zu den dramatischen Ereignissen in diesem Zeitraum?

In Wiesenau gab es auch ein Geschäft für Textilien und allerlei Waren des täglichen Bedarfs, das einem jüdischen Geschäftsmann namens Siegfried Levy gehörte. Sein Vater, ein gewisser Carl Callmann, kam schon um 1850 als Kaufmann nach Krebsjauche. Als Siegfried Levy am 16.07.1870 hier geboren wurde, war er bereits das dritte Kind der Callmanns, die sich aufgrund eines Erlasses der preußischen Bürokratie seit 1835 den Beinamen Levy geben mussten. Ab 1860 war Levy dann der Familienname.

Siegfried Levy hatte das Haus und das Geschäft, das auf dem Boden des heutigen Parkplatzes neben dem Restaurant Bayernstub’ n stand, von seinem Vater übernommen und war als Händler gemeinsam mit seiner Frau Sara wohl bei vielen beliebt. Trotz der seit 1933 auch über Wiesenau hereinbrechenden Nacht des Faschismus und der großen Angst, die in seiner Familie herrschte, blieben beide ihrer Heimat treu und betrieben ihr Geschäft hier noch einige Jahre mit Mut und Umsicht. Was ihnen viele Einwohner dankten, obwohl sie aus Angst oft nicht mehr am Tage „beim Juden“ einkaufen gingen. Die immer stärker werdenden Hetztiraden von SA-Männern auch in unserem Ort hielten Levy aber nicht davon ab, zu seinen Kunden sehr kulant zu sein. Eine Kulanz, die er sich eigentlich nicht hätte leisten dürfen und die ein heute noch lebender Zeitzeuge so beschrieb: „Wenn keiner mehr anschreiben wollte, Levy tat es.“ Sicherlich fürchtete er auch die Konkurrenz und war deshalb sehr entgegenkommend.

In der Kristallnacht am 09. November 1938 wurde das Geschäft der Levy’ s gestürmt, von im Dorf ansässigen SA-Leuten verwüstet und geplündert. Zeitzeugen erinnern sich mit Scham der damaligen Ereignisse. Es soll nicht nur Mitglieder der SA-Banden, sondern auch „normale“ Wiesenauer Bürger gegeben haben, die sich an diesem existenzvernichtenden Raubzug beteiligten…

Das Ehepaar Levy jedenfalls flüchtete sich in höchster Gefahr auf den Friedhof der Gemeinde. Dort verliert sich die Spur der beiden zunächst. Es gibt heute nach intensiven Recherchen von engagierten Wiesenauerinnen und Wiesenauern Hinweise, dass die Levy‘ s zunächst bei ihren Verwandten, der Familie Fellert in Frankfurt (Oder), untergekommen sind. Jedenfalls sollen sie dort auch von Wiesenauern gesehen worden sein. Sie mussten ihr Grundstück verkaufen und wurden behördlich gezwungen, nach Berlin in das Judenviertel zu ziehen, von wo aus sie am 26.02.1943 mit einem sogenannten Altentransport ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden – so der Großneffe von Siegfried Fellert, Ralf Fellert, der durch eine Wiesenauer Chronisten-Arbeitsgruppe in Israel ausfindig gemacht wurde und der ihr am 01.03.2018 auf eine entsprechende Anfrage zum Verbleib seiner Verwandten diese Auskunft geben konnte. Der Zufall wollte es, dass der ehrenamtliche Bürgermeister von Wiesenau, Herr Klaus-Dieter Köhler, sich am 12. März 2018 zu einer Privatreise in Israel aufhielt, wo er Herrn Fellert kurz persönlich sprechen konnte.

 

Sie sehen also, im Fall des Ehepaars Levy gibt es auch noch Fragezeichen, die weiterhin Gegenstand von Nachforschungen sein werden. Interessant wäre es z.B. zu erfahren, welche Haltung sie zu ihrem deutschen Vaterland hatten. Unbeschadet dessen nehmen wir den Jahrestag der Reichskristallnacht mit ihren weitreichenden, bis in die Gegenwart wirksamen Folgen zum Anlass, beiden von den Nazis ermordeten Bürgern von Wiesenau in ehrendem Gedenken diese Stolpersteine setzen zu lassen.

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Stolpersteinverlegung in Wiesenau